Eine neue Unternehmenswebsite wird oft mit einer technischen Frage eröffnet: Welches Content-Management-System sollen wir nehmen? Zu diesem Zeitpunkt ist meistens noch gar nicht klar, welche Inhalte gepflegt werden, wer sie verantwortet und welche Aufgaben Besucher erledigen sollen. Die Technik kann diese Entscheidungen unterstützen, aber nicht ersetzen.
Eine belastbare Neuplanung beginnt bei Zielgruppen, Fragen und Prozessen. Erst daraus entstehen Seitenstruktur, Funktionen und Anforderungen an ein System. Design und Entwicklung arbeiten dann an einem geklärten Auftrag, statt während der Umsetzung die Unternehmenskommunikation nebenbei neu zu erfinden.
Kurz gesagt: Beschreibe drei wichtigste Zielgruppen und je eine Hauptaufgabe. Inventarisiere vorhandene Inhalte, entscheide über Verantwortlichkeiten und entwirf die Informationsarchitektur mit echten Begriffen. Definiere Barrierefreiheit, Datenschutz, Sicherheit, Betrieb und Erfolgskriterien vor der Systemauswahl.
Ziele in beobachtbare Aufgaben übersetzen
„Die Website soll moderner werden“ beschreibt Geschmack, aber kein Ergebnis. Formuliere stattdessen Aufgaben: Ein Einkaufsleiter soll die passende Leistung verstehen und eine qualifizierte Anfrage senden. Eine Bewerberin soll Arbeitsort, Anforderungen und Ablauf finden. Ein Bestandskunde soll ein Dokument ohne Supportanruf erreichen.
Lege pro Aufgabe einen Verantwortlichen und ein gewünschtes Ergebnis fest. Diese Klarheit hilft später bei Navigation und Prioritäten. Eine Funktion ohne zugeordnete Aufgabe wird zunächst nicht gebaut.
Definiere auch Grenzen. Muss die Website verkaufen, nur Kontakte vorbereiten oder einen Kundenbereich enthalten? Ein unklarer Umfang führt zu einem Projekt, das immer neue Erwartungen aufnehmen soll.
Zielgruppen mit echten Fragen beschreiben
Vermeide erfundene Personas mit dekorativen Hobbys. Sammle Fragen aus Vertrieb, Support, Bewerbungen und Suchanfragen. Welche Informationen fehlen regelmäßig? Welche Begriffe verwenden Kunden selbst?
Ordne Fragen nach Phase: erste Orientierung, Vergleich, interne Abstimmung und Kontakt. Ein technischer Entscheider braucht andere Details als eine Geschäftsführung, aber beide können dieselbe Leistung bewerten.
Führe einige kurze Gespräche mit tatsächlichen Nutzenden. Lass sie vorhandene Seiten nutzen und beobachte, wo Begriffe oder Wege unklar sind. Eigene Mitarbeitende kennen interne Strukturen zu gut und übersehen deshalb Hürden.
Inhaltsinventur ohne nostalgische Sonderrechte
Erfasse jede bestehende Seite mit URL, Zweck, verantwortlicher Stelle, Aktualität, Nutzung und Entscheidung: behalten, überarbeiten, zusammenführen oder löschen. Ein alter Inhalt bleibt nicht allein wegen seines Alters wichtig.
Prüfe Downloads und Medien. Veraltete PDF-Dateien tauchen oft weiterhin über Suchmaschinen auf. Entscheide, ob sie aktualisiert, archiviert oder weitergeleitet werden. Löschung ohne Weiterleitung kann wertvolle Verweise und Nutzerwege brechen.
Ordne jedem verbleibenden Inhalt einen fachlichen Eigentümer zu. Die Redaktion kann Sprache und Struktur verbessern, aber nicht allein entscheiden, ob technische oder rechtliche Angaben aktuell sind.
Informationsarchitektur mit Inhalten testen
Baue die Navigation aus Nutzeraufgaben, nicht aus dem Organigramm. Interne Bereiche wie „Geschäftsfeld 3“ helfen Außenstehenden selten. Verwende verständliche Bezeichnungen und trenne Leistung, Wissen, Unternehmen und Kontakt nur, wenn diese Gruppen wirklich funktionieren.
Erstelle eine kleine Baumstruktur und teste sie mit Personen, die das Unternehmen nicht täglich erleben. Gib Aufgaben: Wo würdest du Informationen zu Wartung finden? Wie würdest du ein Angebot anfragen? Beobachte Wege und Missverständnisse.
Begrenze Hauptnavigation und Ebenen. Eine Suchfunktion kann helfen, ist aber kein Ersatz für verständliche Struktur. Wichtige Seiten brauchen zusätzlich sinnvolle interne Verbindungen.
Seitentypen statt Einzelanfertigung
Definiere wiederverwendbare Seitentypen: Leistung, Branche, Referenz, Ratgeber, Stellenangebot und Kontakt. Jeder Typ erhält Pflichtinhalte, optionale Module und verantwortliche Rolle.
Eine Leistungsseite könnte Problem, Ergebnis, Ablauf, Voraussetzungen, Beispiele und nächsten Schritt enthalten. Die Reihenfolge darf variieren, aber wesentliche Fragen werden nicht bei jeder Seite neu entdeckt.
Templates begrenzen Gestaltung nicht unnötig. Sie sichern Konsistenz und erleichtern Pflege. Sonderseiten bleiben möglich, benötigen aber einen nachvollziehbaren Grund.
Sprache und Redaktion
Schreibe zuerst eine klare Rohfassung, bevor Platzhalterdesigns entstehen. Überschriften benennen die tatsächliche Aussage. Vermeide interne Abkürzungen und austauschbare Behauptungen wie innovativ, ganzheitlich oder führend ohne Beleg.
Jede Seite beantwortet eine Hauptfrage. Kontaktaufforderungen passen zum Informationsstand: Rückruf, konkrete Anfrage, Dokument oder Termin. Nicht jede Seite braucht denselben großen Vertriebsbutton.
Lege Freigabe und Aktualisierung fest. Fachbereich prüft Fakten, Redaktion Verständlichkeit, Recht oder Datenschutz relevante Aussagen. Ein Veröffentlichungsdatum allein hält Inhalte nicht aktuell.
Barrierefreiheit als Produktionsprozess
Barrierefreiheit betrifft Inhalt, Design, Code, Dokumente und Redaktion. Sie lässt sich nicht kurz vor dem Start durch ein Zusatzmodul erledigen. Das W3C empfiehlt, Ziele, Verantwortlichkeiten, Budget, frühe Prüfungen und fortlaufendes Monitoring organisatorisch zu verankern. Quelle: W3C WAI – Planning and Managing Web Accessibility.
Plane Tastaturbedienung, sichtbare Fokusmarkierung, sinnvolle Überschriften, Formlabels, Alternativtexte, Kontraste und verständliche Fehlermeldungen. Automatische Werkzeuge finden nur einen Teil der Probleme; manuelle Tests und Rückmeldungen von Menschen mit Behinderungen sind wichtig.
Welche gesetzlichen Anforderungen gelten, hängt von Unternehmen und Angebot ab. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz erfasst unter anderem bestimmte Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr; Begriffe und Ausnahmen sind im Gesetz definiert. Quelle: Gesetze im Internet – BFSG. Die konkrete Einordnung braucht geeignete Rechtsberatung.
Funktionen mit vollständigem Ablauf beschreiben
Ein Kontaktformular besteht nicht nur aus Feldern. Definiere Empfänger, Speicherung, Schutz vor Missbrauch, Bestätigung, Reaktionszeit und Löschung. Teste Erfolg und Fehler.
Für Suche, Login, Download oder Rechner beschreibst du normale Nutzung und Ausnahmen. Was geschieht ohne Ergebnis, bei abgelaufener Sitzung oder fehlender Berechtigung? Gute Anforderungen enthalten diese Zustände.
Frage bei jeder Funktion, ob ein einfacherer Inhalt dasselbe Ziel erreicht. Ein komplexer Konfigurator ist nicht besser als eine klare Tabelle, wenn Kunden am Ende ohnehin individuelle Beratung brauchen.
Systemauswahl nach Betrieb
Erst jetzt vergleichst du Systeme. Prüfe Rollen, redaktionelle Vorschau, Versionierung, Medienverwaltung, Mehrsprachigkeit, Schnittstellen, Barrierefreiheit und Export. Lass Redakteurinnen typische Aufgaben in einem Testsystem erledigen.
Bewerte Updates, Hosting, Support und Sicherheitsverantwortung. Wer spielt Aktualisierungen ein? Wie werden Erweiterungen geprüft? Welche Reaktionszeit gilt bei Störungen?
Plane Ausstieg und Datenexport. Inhalte, Medien, Weiterleitungen und strukturierte Metadaten müssen übertragbar sein. Ein System ist keine dauerhafte Unternehmensstrategie.
Sicherheit verbindlich beauftragen
Sicherheitsanforderungen gehören in Ausschreibung und Abnahme. Das BSI stellt für Auftraggeber einen Leitfaden bereit, der Anforderungen und Qualitätsprüfungen über Entwicklungsphasen hinweg beschreibt. Quelle: BSI – Leitfaden zur Entwicklung sicherer Webanwendungen für Auftraggeber.
Definiere sichere Entwicklung, Codeprüfung, Abhängigkeiten, Zugänge, Protokollierung, Backup und Reaktion auf Schwachstellen. Ein Penetrationstest am Ende ersetzt keinen sicheren Prozess, kann ihn aber ergänzen.
Administrationsoberflächen erhalten Mehrfaktor-Authentisierung und begrenzte Rollen. Nicht mehr benötigte Konten werden entfernt. Sicherheitskontakte und Updateverantwortung bleiben auch nach Projektende geklärt.
Datenschutz mit Datenflüssen planen
Liste Formulare, Analyse, Videos, Karten, Schriften, Bewerbungen und externe Dienste. Für jeden Datenfluss werden Zweck, Anbieter, Speicherort, Aufbewahrung und rechtliche Grundlage geklärt.
Vermeide unnötige Drittverbindungen. Eine eingebettete Funktion kann bereits beim Seitenaufruf Daten übertragen, obwohl niemand sie benutzt. Prüfe lokale oder datensparsame Alternativen.
Einwilligungsmanagement, Datenschutzhinweise und Verträge folgen der tatsächlichen Technik. Sie werden nicht aus der alten Website kopiert, wenn sich Anbieter und Zwecke geändert haben.
Migration und Weiterleitungen
Erstelle eine Zuordnung alter zu neuer URLs. Inhaltlich passende Weiterleitungen erhalten bestehende Links und helfen Nutzenden. Viele alte Seiten pauschal auf die Startseite zu schicken, löst die Suche nicht.
Migriere nur freigegebene Inhalte. Prüfe Formatierung, Links, Bilder, Alternativtexte und Metadaten. Automatische Übertragung spart Zeit, übernimmt aber auch alte Fehler.
Plane eine Sperrphase für Änderungen oder einen klaren Synchronisationsweg. Sonst werden kurz vor dem Start Aktualisierungen nur im alten System vorgenommen und gehen verloren.
Abnahme mit realen Aufgaben
Teste nicht nur einzelne Seiten, sondern komplette Wege: Leistung finden, Formular absenden, Bewerbung beginnen, Dokument herunterladen und Suche ohne Treffer. Nutze verschiedene Geräte, Tastatur und Hilfsmittel.
Prüfe Leistung unter realistischen Bedingungen. Große Bilder, externe Skripte und langsame Formulare fallen im schnellen Büronetz weniger auf als mobil. Fehlerprotokolle und Monitoring müssen vor dem Start aktiv sein.
Die Abnahme enthält Inhalte, Weiterleitungen, Datenschutz, Barrierefreiheit, Sicherheit und Betrieb. „Sieht wie der Entwurf aus“ ist nur ein Teil davon.
Betrieb nach dem Start
Lege Verantwortlichkeiten für Inhalte, Technik, Sicherheit und Anfragen fest. Definiere Aktualisierungsrhythmus und Notfallkontakt. Eine Website ohne Pflegeprozess beginnt am Starttag zu veralten.
Führe nach einigen Wochen Gespräche mit Vertrieb, Support und Nutzenden. Welche Fragen bleiben offen? Welche Wege funktionieren nicht? Ergänze Änderungen nach Priorität statt sofort neue Funktionen zu bestellen.
Barrierefreiheit und Sicherheit werden regelmäßig geprüft. Neue Inhalte und Erweiterungen können alte Qualität wieder verschlechtern. Das W3C beschreibt diese dauerhafte Pflege ausdrücklich als eigene Phase.
Dein nächster Schritt
Schreibe drei Nutzeraufgaben auf und ordne jeder Aufgabe heutige Seiten, verantwortliche Person und gewünschtes Ergebnis zu. Markiere fehlende oder doppelte Inhalte. Erst mit dieser kleinen Karte beginnt die neue Website – nicht mit einer Liste von Themes und Plugins.
Quellen und Prüfdatum
Geprüft am 21. September 2026: W3C WAI – Planning and Managing Web Accessibility, Barrierefreiheitsstärkungsgesetz und BSI-Leitfaden für sichere Webanwendungen. Rechtliche Anforderungen müssen für Unternehmen, Angebot und Zielgruppen individuell geprüft werden.